Meinungen und Kritiken zu Haller
Auszüge aus den Tagebüchern der schweizer Künstlerin Erika Streit, welche in Dresden an der Akademie bei Otto Dix studierte
Buch Nr. 21 [02.VII. 39 – 09.II.1940] – ab 26.11.1939
26.11.1939
Ich fuhr zu Otto (Dix). Das Haus war zu, doch er kam öffnen – er hatte extra gewartet. Ein merkwürdiger Eindruck. Sein Atelier – eine Welt – die mir nur ganz
fern ist. Nur von ihm aus beurteilbar. Er ist ganz echt und deutsch. Einen Antonius und [Lats? Batls?] hat er, zu der Arbeit, ich brauchte Zeit um mich
hineinzusehen. Der Abstand ist zu groß, und mein Weg ganz anderswo. Er beschäftigt sich sehr mit der Farbe – eine andere Farbe wie ich sie erlebe und suche.
Er ist eine in sich geschlossene Welt ein König in ihr. Man muß die Bräuche seines Landes annehmen um es kennen zu lernen.
Wir aßen gemeinsam Mittag im [Braustübl?] und nach, zu Eden – da trafen wir Haller und Frau [unterstr. d. die Verf.], der sich sehr für P. und meine
[Statuen?] interessierte. Sobald ich meinen Kurs fertig habe, werde ich ihn aufsuchen. Merkwürdig, wie man Menschen trifft und plötzlich einander braucht –
und andere wieder versinken – ein großes Rad.
17.12.1939
Herr Haller suchte mich auf und holte die Bücher. Ein seltsamer Mensch. Er sprach interessant. Ist er echt – ist er [?]. Seine Arbeit wird entscheiden ich bin
sehr neugierig und würde mich freuen wenn ein [Verständnis?] möglich wäre. Ein Gesicht von allen Teufeln gestraft.
10.01.1940
Bei Frau Haller ging ich vorbei, sie lud mich gleich ein mit zu ihnen zu kommen, so fuhren wir abends hinaus. Hallers Akte sind sehr interessant – schöne
Zeichnungen. Sein Suchen ist ungeheuer ernst. Kirchner, Picasso, Renoir sind Einflüsse. Es liegt viel Verzweiflung in einem so hoffnungslosem Suchen. Ich
glaube daß er in Komposition – Form – auch Farbe viel leisten kann – wenn ich für mich auch einen anderen Weg suchen muß. Ich hoffe öfters hinaus zukommen
und manche Anregung zu erhalten.
13.01.1940
Nachm. ging ich zu Haller. War reichlich daneben gestimmt. Einige meiner Aussprüche krumm genommen. Bei den abstrakten nimmt er mehrere Ansichten vom Objekt
und vereint sie. In der Nähe gesehen. Folglich ein großer Raum unmöglich zu gestalten. Stilleben ohne Hintergrund.
1 Akt – höchstens 2 Figuren – keine Gruppe. Bei den wenigen abstrakten Arbeiten – neue Optik. Hoher Standpunkt wie es mir scheint, oder vielleicht ein
doppelter Standpunkt – für die Hauptfigur und die Nebenfiguren einen.
[Skizze eines mehrfigurigen Aktes m. Augenpunkten].
Bei den großen Akten auch eine antifotografische Optik.
[Skizze eines Aktes]
Das Bein nur durch Überschneidungen in den Vordergrund gebracht.
Er zeigte mir seine akademischen Zeichnungen, die ich außerordentlich finde. Das Suchen – besser Finden des Volumens zu einer großen Vollendung
geführt.
14.01.1940
Abend Palucca – reizende Brauselimonade – erfrischend. [Thiele?] traf ich er lud mich ein. Hallers waren auch da.
22.02.1940
Ich wollte nach so langer Zeit heute zu Frau Haller gehen – da kam Herr Haller zu mir uns sagte mir ganz großartige Dinge.
Er kam im einzig möglichen und richtigen Momente.
Er geht vom positiv geladenen Zwischenraum aus – den er bei jeder großen Kunst einwandfrei nachweist. Er presst ihn so gegen seine Figuren zusammen
In einer Komposition die so entsteht gibt es keinen Zufall, keine Stelle die leer ist (z.b. Agypten, Griechen, Antike) Renaissance Francesca Tintoretto
– Renoir, Cézanne, Picasso).
Der Zwischenraum ist die Spannung die zwischen den Gruppen liegt. [Den? Dan?] lauft [sic!] die Vorstellung das Sehen des Volumen.
Das Begreifen der Form aus dem Volumen heraus – da entsteht Raum von selber – nicht in photographischen Verkürzungen.
H Es gibt keine Verkürzungen. Es gibt keine Hinterschneidungen. In der [R...] u.s.w. Brustkorb groß – Kopf klein gezeichnet – trotzdem der Kopf vorn
steht – um den Körper besser zu verstehen.
Die Volumen gedreht. Bei Griechen oft ¼ Drehungen. In der Renaissance zum 1. Male die Bewegung aus dem Becken.
Dieser Besuch Hallers ist von ungeheurer Wichtigkeit für mich ein Wendepunkt – ohne jeden Zufall.
Seit langem gab es keinen so sicheren Punkt für mich. Hiermit erledigt sich auch meine bisherige Arbeit und ich sehe einen neuen Weg vor mir.
Keine photographischen Verkürzungen bei den Griechen, die [Masse?] können vom Körper auf das z.B. Relief übertragen werden – die gleichen Verhältnisse.
(Die aufgezeichnet Verkürzung + Abstand des Betrachters gibt eine doppelte Verkürzung – wie bei den Komplementarfarben). Der Akt die präziseste
Kontrolle. Analytisch – den Gegenstand aus nächster Nähe gesehen – [P...stehen] (Haller – Picasso) zerlegen des Gegenstandes.
Ein größerer Abstand ist notwendig zum Objekt – oder überhaupt keiner.
Analyse – Synthese.
Wiederholung des gleichen Motifs [sic!] durch den Zwischenraum auseinander gesprengt.
Der positive Zwischenraum scheint mir die tiefste religiöse Auffassung zu fragen – doch, ich muß auch sehr darüber nachdenken.
23.02.1940
In meinem Kompositionsschema ist auch das Volumen enthalten.
Ich muß mit Haller noch darüber reden. Diese neue Anschauungsweise, in der der Mensch nicht mehr Zentrum – sondern Mitte – Mitte vom Zwischenraum ist –
scheint mir ein Gegenargument zum Willen zur Macht.
Sollte die Behauptung „es gibt am Körper keine Geraden, keine [k...baren] Linien – mit dem [Widerstand?] nach außen zu erklären sein?
Es müsste auf diese Weise zermalmt werden.
Nachm. fuhr ich zu Hallers hinaus, machte Aufnahmen seiner Bilder, nachher unterhielten wir uns. Er zeigte mir den Renoir von Maier Graefe, er legte
Reproduktionen von Tintoretto – Poussin daneben.
Sein Kampf & Sehnsucht ist mit modernen Mitteln ebensolche Bildwirkungen zu erreichen.
Bei Tintoretto u.s.w. hell auf dunkel, Lasurmalerei – mit Leichtigkeit gemalt, [Schüler?] konnten einen großen Teil der Bilder malen (Rubens), der Meister
gab die letzten Effekte. Cezanne, Renoir, haben die gleiche Stärke im Formen – aber nie erreichten sie das „fertige Bild“. Eine große Komposition von Renoir
oder Cezanne ist undenkbar.
Es muß aber ein Weg gefunden werden der ebensolche Wirkungen schafft mit Mitteln die uns entsprechen. Nicht mehr das „[Boudoir?] Bild“. Nicht daß die
Fähigkeiten dieser modernen Künstler kleiner wären, ihre Leistung ist eine immense – es sind nur keine neuen Mittel da.
27.02.1940
Frau Haller brachte ich die Photos, ich soll so bald wie möglich wieder herauskommen.
04.03.1940
Wieder nach Dresden gefahren.
Frau Haller suchte ich auf, er war auch da & hielt gleich einen Vortrag. Es sei alles viel einfacher, man mache es sich zu schwer & kompliziert. Jeder Arzt
erlernt wie man einen Blinddarm operiert – in der Malerei fehlt diese [...] die früher da war.
Die richtige Diagnose stellen. Hier beginnen Unterschiede über das Erlernbare hinaus. – Später mit Haller im Europa Kafee [sic!].
Körper immer so zeichnen, daß man sie leicht versteht in ihren Verkürzungen & Überschneidungen.
05.03.1940
Nachm. fuhr ich zu Haller und machte viele Aufnahmen, bis zum Abend, im kalten Altelier. Später unterhielten wir uns. Immer wieder über unsre Not, die Arbeit.
Was entspricht uns als Ausdrucksform – welche Kunst gehört unsrer Zeit, wo sollen wir aufbauen.
Die Kunst ist am intensivsten [sic!] bei den frühen Agyptern, Griechen, Indern, Christen u.s.w.
Renoir der größte, der in unsre Zeit ragt.
Mir scheint, wenn ich einen tanzenden [Huba?] oder Apoll ansehe – es tritt zuerst das Bild des Gottes entgegen – dann erst sieht man die Form & Gestaltung als
selbstverständliches Beiwerk.
Während Picasso und anderen das „Beiwerk“ die Formfragen als erstes ins Auge fallen und dann nichts mehr kommt.
07.03.1940
Wenns morgen hell ist fahre ich nach Hellerau hinaus und mache bei Haller Bilder.
08.03.1940
Nach Tisch zu Haller gefahren und frierend Aufnahmen gemacht
09.03.1940
Frau Haller brachte ich Photos, die sie freuten.
11.03.1940
Mit [Hallers?] unterhielt ich mich. Er will mir Abbildungen mitgeben. Ihr Geschäft geht nicht mehr, ihre Gage ist mehr als traurig. Wenn ich ihnen nur helfen
könnte.
13.03.1940
Später fuhr ich zu Haller, nahm kleinere Zeichnungen auf. Später unterhielten wir uns.
H: „Die Form ist das Komplement des Zwischenraums“ (Komplementfarben)
Objektif [sic!] sehen – Objekte – [Holzpuppe? Holzpappe]?.
Stück für Stück zusammensetzen – ein Objekt an das andere bauen. Von einer Form ausgehen und unter Beibehaltung derselben verständlich werden.
Die Holzpuppe – Objekt an Objekt. Steinplastik vom Zwischenraume aus – die Spannung von Zwischenraum und Form.
romisch = Steinplastik
germanisch = Holzplastik
Aufgabe des Meisters – diese Grundidee zu verdecken – verschleiern
Maellal: Chez la volume dans l’air
In der Landschaft – den Hintergrund zuerst setzen – dann die darüberliegenden Teile.
Zuerst der Hügel und dann der Baum darauf – eines vor das andere setzen – so bleibt alles verständlich.
Immer klar zeigen wie eines auf dem anderen liegt – die Verkürzungen so machen daß sie verständlich bleiben und nicht wichtige Formen verdecken.
Bei altmeisterlichen Akten sind oft die Formen durch Gürtel, Ketten u.s.w. voneinander getrennt. [...]
Gotische Steinplastik (Holzpuppen [Schlussklammer fehlt]. Gotische Cathedrale besonders in Deutschland aus dem Schiffskiel entstanden (Wikingerschiffe.)
Homer: Kompositionslinien die über den Bildrand herausgehen können durch querlaufende Formen aufgehalten werden
14.03.1940
Mit Haller die Aufnahmen sortiert. Die Kompositionen sind sehr gut gekommen.
10.05.1940
Tüchtig gemalt. Ich arbeite mit starken, meist ganz reinen Farben. Ich glaube momentan muß ich so frei wie möglich mit der Farbe umgehen lernen. Auch 3
Aufzeichnungen zu weiteren Akten machte ich. Ich baue die Figuren stückweise auf und beachte den Zwischenraum – trotzdem habe ich noch nicht annähernd die
Tragweite von Hallers Entdeckungen begriffen.
03.07.1940
Von Hallers kam ein Brief – sie wollen 3 Tag herkommen und beauftragten mich etwas Passendes zu suchen. Ich freue mich, hoffentlich klappt es. Milleschau
wäre sehr schön.
04.07.1940
Indem ich Frau Hallers Brief nochmal las entdeckte ich, daß sie schon diesen Sonntag kommen will – da heißt es rasch handeln. Ich schrieb ihr
gleich.
07.07.1940
Sonntag fuhr ich mit der Bahn nach Teplitz – saß auf der leeren Terasse [sic!]. Mit dem ersten Bus aus Dresden kamen Hallers nicht an. Ich ging in den
Schlossgarten, las „der Tod & die Maske“ von Kassner und wartete auf die schöne Art bis der nächste Bus aus Dresden fällig war. Hallers saßen darin – und ich
freute mich sehr über sie, wir fahren im glühenden Wagen bis Wellemin, von da liefen wir nach Milleschau – den rechten Weg fand ich nicht gleich, wir gingen
mitten durch den Wald, der Regen fing an – Gewitter standen schon vorher überall, als wir in Milleschau einzogen. Am späten Abend sahen wir den Friedhof mit
der schönen Kirche an. Ich glaube Hallers gefällt es wirklich.
08.07.1940
Aufstieg auf die Wostroi – drückende Hitze überall krachen schwere Gewitterwolken. Nachm. durch den Wald nach Wellemin. Herr Haller hatte starke Zahnschmerzen
und wollte einen Arzt aufsuchen, den er nicht antraf. Unterwegs wurden wir von einem schweren Gewitter überrascht mit wolkenbruchartigem Regen. So gut es ging
verkrochen wir uns unter einem Cape – das war äußerst komisch. Trotz allem wurden wir naß – Hallers Hemd tragen wir gleich einer Fahne am Spazierstock. Der
Abend war kühl – es regnete – die Wolken hingen tief in den Milleschauer hinein. Wir kamen um unsren Spaziergang am Abend – wir wollten gerne Glühwürmchen
sehen. Vor dem Schlafengehen gab es lange Unterhaltungen.
09.07.1940
Zeitig früh fuhren wir nach Bilin. Herrn H(aller). wollte ich zum Hilgers bringen – der verreist war. Nach einem kleinen Spaziergang nahm ich sie mit zu mir
nach Hause. Zeigte ihnen mein Atelier und meine Arbeiten – wo H(aller) mir viel sehr gutes sagte und wie ich hoffe – mir sehr geholfen hat.
Griechische Vasenmalerei: Die ich so über alles liebe, ist für uns abgeschlossen – eine Welt, die wir verehren können, deren Sprache uns aber nicht mehr
geläufig sein kann da sie eine religiöse ist.
Jede Form ist ein Symbol – Arm – Leib - Bein u.s.w diese Zeichen werden wie Buchstaben zusammengesetzt.
Der Abstand einer Figur ist unendlich weit – jeder Teil wird als Fläche gesehen, der Teil ist eine ausgeschnittene, umgrenzte Fläche – daher die große
Bedeutung des Kontur – der hier seine höchste Berechtigung hat – sonst nicht. Die Zeichen Arm Bein – Brustkorb u.s.w. sind von der Seite – oder von vorn
gesehen – jede dieser Formen ist festgelegt – es gibt keine Verkürzungen – sie sind wie Gesten im japanischen Theater z.B. wo jedes Gefühl jeder Ausdruck
durch eine bestimmte Bewegung gekennzeichnet ist – diese Bewegungen sind festgelegt – das selbe beim kultischen Tanz – jeder kultischen Kunst.
In seinen abstrakten Arbeiten hat Haller seine Figuren so auseinandergenommen und jede so entstandene Fläche so gefärbt. Hier decken sich Form der Fläche und
Farbe – ebenso ist die strenge Abgrenzung berechtigt.
Griechische Plastik – archaische Plastik ist ebenso zusammengesetzt wie das Vasenbild. Jedes Teil ist Symbol – Brustkorb – Atmung – Bein – Laufen – das nach
vorn Schreiten – Geradeaus – von vorn schmal seitlich sehr breit.
Das nach vorne Gehen dadurch besonders ausgedrückt. Form und Sinn der Form sind eins (Cabbala). Je nach dem die festgelegten Formen zueinander gestellt
werden – so verändert sich die Bedeutung des ganzen – zub. Ruhe – Kampf (Cabbala – Zahl & Buchstabe und deren Bedeutung und die Gedankenkomplexe die durch
deren Zusammensetzung entstehend. [Hieve?]
Der griechische Kopf – die grischische Nase ist auch eine zusammengezogene Form – Stirn Nase.
Alles diese Formen sind Anschauung.
Für unser Schaffen hat nur noch die Vorstellung Bedeutung – die gebaute Form – hier entstehen Drehungen – Verschiebungen – Verkürzungen –
(Tintoretto – Greco – Rubens – alles großen bis zu unserer Zeit arbeiten aus der Vorstellung heraus).
Hier ist die runde Form – die Farbe kann nicht als Fläche existieren – sie hat nur den Sinn der Modulation.
(hier liegt mein großer Fehler in meinen Akten – ich setzte die Farbe als bunte Fläche ein und behandelte die Form rund – das sind zwei widersprechende
Anschauungen)
Ganze Körper muß man aufbauen – ich zeichne einen ab den Haller mir [aufgeschrieben?] hat.
[Ganze Seite mit Skizzen von zwei weibl. Akten; beschriftet].
(Ich werde die Akte jetzt mehr einfarbig malen, sind mehrere Akte vereint – so erhält jeder die Farbe, die sein Platz im Raum verlangt – z.B. im Hintergrund
mehr blau, im Vordergrunde mehr rot-orange.
Ist eine Hauptfigur im Vordergrunde, so kann man mit ihren Gliedern so verfahren – wie mit den Akten im Hintergrunde. Zu. [sic!] der Arm im Vordergrund Ocker
– das Bein im Hinter[grund] blau u.s.w.. Auf die Art entsteht eine farbige Trennung der Nebenfiguren und der Hauptfigur.)
Haller sagt, das [sic!] die Farbe und der Zusammenhang Auf den meisten Kompositionen durch Tücher [Unterstreichung im Orig. d.d. Verf.]. erreicht wird.
Die Akte selbst sind so eine neutrales Grau zwischen diesen Tüchern (Gewändern). Der Körper ist nicht der Farbträger sondern das Beiwerk
[Alle Unterstreichungen im Orig. d.d. Verf.]. Bei Greco sehr leicht erkennbar.
Nachdem die Umgebung des Aktes der Farbträger ist – will ich diese auch zuerst farbig einsetzen und die Akte als Verbindungskeil dazwischensetzen – der Akt
ist demzufolge farbig passif.
Erst die gründe Wiese, der blaue Himmel – dahinein der Akt, der eine Komplementärfarbe wird.
Ich hoffe es hat Hallers ein wenig bei mir gefallen – ich habe beide sehr gern und würde mich freuen wenn ich ihnen ein wenig sympathisch wäre.
(Frappierend, ich schrieb meine Träume auf – zu Weihnachten – für jeden Monat einen. Juli: Haller erklärt seine Konstruktionen – ist eingetroffen).
„Ich bewahrte Hallers Bücher auf – Piero della Francesca“ – er sprach gestern von Piero – und will mir ein Buch besorgen – „Vase voll Parfum“ – ich unterhielt
mich lange mit Frau H. über Parfum – „Blumentopf mit Kaktus“ – Frau Haller erhielt von Mama einen Ableger von unserem Philadendron.)
22.07.1940
Für Frau Haller den Brotkasten besorgt.
01.08.1940
Ich glaube die Trennung von Sujet & Objet [sic!] in der Kunst – Die Unwichtigkeit des Sujet und das Alles des Objet [sic!] sind eine der Hauptursachen dieser
großen Leere – raffiniert verdeckten Leere in der modernen Kunst.
In der Cheopspyramide ist keine Trennung von Form & Inhalt – oder bei archaischen Griechen – da ist der Inhalt Form geworden – und jede Form zerlegt vom
Inhalt. Voraussetzung ist eine aus dem religiösen geformte Kunst.
Die Form um der Form willen – ich glaube sie hat eine Zweckform ein Gefäß zu sein. – sonst sind’s leere Theorien.
Ein Inhalt der nicht Form wird, ist ohne Tiefe. – Sonst würde er zur Form.
Bei Tintoretto z.B. glaube ich nicht, dass dessen Figuren aus großer Weite gesehen sind, ebensowenig [sic!] wie aus großer Nähe – sondern dazwischen, aus der
Mitte – und in die Körpermitte gesehen zum Nabel hin. Daher diese seltsamen Verkürzungen der Extremitäten – jene Verkleinerung, die dem Körper ein schönes
Volumen gibt.
Für den Rumpf sind Thorax und Becken Formbestimment [sic!] – sie vertragen keine Schnitte – daher muß man sie auch als Ganzes sehen – wie Haller es
[tat/ tut] – der Kopf gehört auch hierher – die Muskeln sind oberflächliche Decke die der Form Bewegung geben.
Bei den Extremitäten ist es etwas anderes – durch den Knochen in der Tiefe wird die Form nur wenig bestimmt – er hat vielmehr seine Form von den Muskeln
modelliert. Hier ist der Muskel selbst Volumen – daher ist die Form bewegter und ein Ausdruck der Bewegung. (frühe Griechen betonten sehr die Bewegung nach
eine Richtung z.B. der Oberschenkel. Aus Ausgehen vom Rumpf als Volumen – die man in der Komposition gegeneinander setzt – scheint mir [wichtig? richtig?]
– die später hinzugefügten Gliedmassen bilden eine Art Verbindung zwischen den einzelnen Komplexen – und führen so zur Bildbewegung und sind auch in sich
bewegtere Formen.
07.08.1940
In Dresden ging ich direkt zu Frau Haller, die sich sehr freute. Ich brachte ihr den Kasten.
Mittag mit Frau H. bei Hilfert unterhalten. Um 7h fuhr ich mit Frau Haller hinaus. Er kam entgegen – ein reizender Abend bei ihnen. Zwei neue Sachen hat er
da. Die eine Komposition auf dunklem Grunde ist eine seiner besten Arbeiten. Auch die Bleistiftskizzen sind sehr schön. Ich bin wirklich neugierig wie er
weitergeht.
Mit Massen bauen – Massen gegeneinander setzen.
Modulation durch Schraffierung oder durch farbige Flächen.
08.08.1940
Vorm. bei Kühl, ich sah [Rudolpfs? Rudolphs?] Holzschnitte – die zum Teil sehr fein sind. [P..d] & Nolde & Heckel finde ich sehr schwach – Hofer besonders die
Diana ist formlos.
Im Kunstverein ist’s noch ärger. Mein Meister ist zum erschrecken – so viel langeweile [sic!] überall. So viel formlose Sentimentalität. Lachnit noch Versuche
Akte zu komponieren. Hallers Überlegenheit ist gar nicht messbar. Was wollen eigentlich die Künstler mit ihrem belanglosen Zeug?
Mittag verbrachte ich wieder mit Frau Haller im Rumpelmeier.
11.08.1940
Abends klebte ich noch Hallers Beispiel Reproduktionen ein.
12.08.1940
Den Rumpf, die größte Masse des Körpers, als Ausgangspunks aller Verkürzungen nehmen. Ihn immer als größte Masse behandeln auch wenn er verkürzt wirken soll
– also nicht durch zu großen Kopf oder Füße vorne seine Masse mindern. Die Gliedmaßen dürfen nur nach vorne gebaut werden, müssen aber im Verhältnis zum
Rumpf immer gleich bleiben. Also im Gegensatz zur Fotographie heißt es immer die gleichen Verhältnisse wahren. Bei einer Komposition müssen Rumpfmassen
gegeneinander gesehen werden – die übrigen Körperteile haben sich einzuordnen.
Man gibt die Dinge wie sie sind – oder besser man gibt die Idee die man von den Dingen hat und nicht die Täuschung auf. [D.h.?] Der Rumpf ist der größte
Teil folglich kann ein fuß [sic!] nie größer sein, auch wenn er dem Auge näher ist.
Am letzten S.P. gemalt – ich bin nun dazu gekommen – obwohl ich’s vermeiden wollte – die Farbe strichweise nebeneinanderzusetzen – so finde ich Übergänge und
optische Mischungen.
16.08.1940
Frau Haller schrieb lieb.